Patientenkommunikation in der Onkologie meistern

Herausfordernde Arzt-Gespräche in der Gynäkologischen Onkologie

Einleitung

Bei der ärztlichen Tätigkeit in der Onkologie ist neben hoher Fachkompetenz eine hohe Empathie und Sensibilität in der Kommunikation gefragt - sowohl im Hinblick auf die Situation, die Wahrnehmung, die Psyche und Sorgen der betroffenen Patientinnen und ihrer Angehörigen als auch zur Stütze und Kalibrierung der eigenen Psyche und des eigenen Wohlbefindens in einem psychisch besonders herausfordernden Arbeitsumfeld.

 

Während sich die Onkologie in den letzten Jahren medizinisch enorm weiterentwickelt hat, wurde die zur enormen  Herausforderung der Thematik passende kommunikative Kompetenz aber häufig nicht in gleichem Maße verfolgt. 

Dies bezieht sich nicht auf klassische Kommunikationstrainings, sondern auf die psychologisch und medizinisch relevante Kompetenz, die Therapieadhärenz, Patientenzufriedenheit, Vertrauen, Shared Decision Making und letztlich auch die eigene Arbeitszufriedenheit beeinflusst.

  

Vortrag zum Thema
In unserem diesbezüglichen Vortrags-Angebot zum Thema "Herausfordernde Arzt-Gespräche in der Gynäkologischen Onkologie" geht es in der Kürze nicht darum, viele Modelle vorzustellen, die sich im konkreten medizinischen Einsatzbereich - und auch im  Hospiz- und Palliativbereich etabliert haben, sondern vorab um Denkanstöße, Aha-Effekte und unmittelbar nutzbare Werkzeuge.

 

Leitgedanke, auf dem nachfolgend aufgebaut werden kann ist folgender: "Was unterscheidet ein medizinisch gutes Gespräch von einem Gespräch, das Patienten wirklich trägt?"

 

Worum geht es?

In der gynäkologischen Onkologie gehören Gespräche über Krebsdiagnosen, Rezidive, Therapiewechsel, Prognosen oder den Übergang in eine palliative Behandlung zum klinischen Alltag. Die Behandlung gynäkologischer Tumorerkrankungen stellt Ärztinnen und Ärzte nicht nur medizinisch, sondern auch kommunikativ vor besondere Herausforderungen.

 

Diagnosemitteilungen, Therapieentscheidungen, Prognosegespräche oder der Umgang mit Angst, Hoffnung und Angehörigen verlangen neben hoher fachlicher Kompetenz eine professionelle Gesprächsführung. Für Patientinnen und ihre Angehörigen markieren diese Gespräche häufig Wendepunkte ihres Lebens.

 

Leitende Ärzte erleben täglich Situationen, in denen wenige Sätze den Verlauf eines Gesprächs – und manchmal die gesamte therapeutische Beziehung – prägen. Sie entscheiden nicht nur darüber, welche Informationen vermittelt werden, sondern auch darüber, wie diese verarbeitet, verstanden und getragen werden können.

 

In bestimmten Situationen, die psychologisch zugleich ganz "entscheidende Momente" darstellen, wird die Relevanz der Arzt-Patienten-Kommunikation besonders deutlich. Dazu zählen z.B.:

 

-  Erstdiagnosen (z.B.  Ovarialkarzinom),

-  Rezidivgespräche,

-  Progress trotz Therapie,

-  BRCA-Testung und familiäre Belastung

-  Was ist mit den Kindern der Patientin?

-  Gespräch mit Partnern / Angehörigen

-  Hoffnung erhalten ohne falsche Hoffnung zu erzeugen
-  Therapiezieländerung,

-  Übergang in palliative Situationen,

-  Gespräch nach Tumorkonferenz,

-  Kommunikation bei Unsicherheit ("Wir wissen im Moment noch nicht...")


Existentielle Tragweite und Psyche verstehen und kommunikativ professionell berücksichtigen 

Aus psychologischer Sicht haben Gespräche mit den Betroffenen und deren Angehörigen hier eine existentielle Tragweite, insbesondere bei der Überbringung "schlechter Nachrichten" mit Schockwirkung. Das innere Zusammenbrechen, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit, die Angst vor dem Verlust von allem, was einem wichtig ist sowie die Angst vor einem qualvollen Tod. Die wenigsten Menschen zeigen offen, was sie in bestimmten Situationen wirklich fühlen. 

 

Viele Menschen geraten beim Vernehmen schlechter Nachrichten - auch ohne dass Ärzte dies (über konkretes Verhalten) wahrnehmen - aus psychologischer Sicht in einen schockähnlichen Zustand, fühlen sich überwältigt durch Emotionen wie Bedrohung, Kontrollverlust und Ohnmacht. Vielfach können und wollen sie es zuerst nicht ("das muss ein Irrtum sein!") fassen bzw. realisieren. Viele wollen ihre Situation nicht wahrhaben, andere sind bemüht, die Realität zu verdrängen.

 

Viele Patientinnen sprechen bei Psychologen von einem lähmenden Taubheitsgefühl, einer Wahrnehmung der Welt wie aus einer Glasglocke. Sie haben das Gefühl, nicht mehr souverän zu sein, sondern nur noch wie eine Maschine zu funktionieren. Angesichts solcher Situationen sind Menschen erst einmal nicht aufnahmefähig. Danach kommen Angst, Depressivität, Verleugnung, ggf. auch Ärger/Wut, die Beschäftigung mit der Diagnose oder etwaigen ärztlicher Unterlassungen, die Suche nach Informationen, ein Auf und Ab der Gefühle zwischen Hoffnung und Verzweiflung und eine Auseinandersetzung mit existentiellen Themen.

 

Hinzu kommt der gefühlte Wandel vom souveränen Menschsein zum hilflosen, unselbstständigen, abhängigen Objekt, das anderen und dem Schicksal vollkommen ausgeliefert ist und an Souveränität und Wert verliert. Viele Menschen sind durch schlechte Nachrichten, die Konfrontation mit der Realität und den damit einhergehenden Lebenswandel regelrecht traumatisiert. Es dauert eine Weile, bis Betroffenen und ihre Angehörigen in der neuen Realität ankommen und sich darin orientieren können.  

 

Nicht nur bei der Diagnosestellung und bei Prozessen der Behandlung oder beim Fortschreiten einer onkologischen Krankheit fühlen sich die Patientinnen oft machtlos ausgeliefert. Auch vor ganz normalen Verdachts-Untersuchungen brechen einige Menschen innerlich regelrecht zusammen, was sich die eisten nicht anmerken lassen. Auch hier ist es wichtig, die Sichtweise und Standpunkte der Betroffenen zu berücksichtigen und mit konkretem Verhalten bzw. sensibler Kommunikation adäquat darauf einzugehen. 

Kein „Soft Skill“, sondern Teil guter Medizin

Die Beleuchtung typischer Fehler in derartigen Schlüsselmomenten im Vergleich mit Beispielen möglicher professioneller kommunikativer Interventionen und entsprechender Werkzeuge schärft den Blick für Kommunikation als integralen Bestandteil exzellenter onkologischer Versorgung.

 

Der Vortrag verdeutlicht, warum professionelle Gesprächsführung in der Onkologie kein „Soft Skill“, sondern Teil guter Medizin ist - und dürfte im konkreten Kontext einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

 

Zugleich sensibilisiert der Vortrag zum Thema anhand von Beispielen für mehr Sensibilität und Achtsamkeit im Umgang mit Patientinnen und deren Angehörigen, ebenso für Aspekte und Zusammenhänge, die in der klinische Psychologie und Psychotherapie - aber auch in der Mitarbeiterführung - zum absoluten A & O zählen, im medizinische Bereich aber noch nicht vollständig angekommen sind. 

Typische Fehler

Eine wenig empathische oder unstrukturierte Kommunikation kann dazu führen, dass Patientinnen sich mit ihren Ängsten und Sorgen nicht gesehen fühlen, sondern sich angesichts ihrer existenziellen Situation zusätzlich verletzt, verunsichert oder alleingelassen erleben. 

 

Eine wenig empathische oder unstrukturierte Kommunikation kann in der Medizin dazu führen, dass Patientinnen sich mit ihren Ängsten und Sorgen nicht nur nicht gesehen fühlen, sondern sich angesichts konkreter Situationen und Gefühle ggf. regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlen können - oder sogar noch zusätzliche (psychische) "Verletzungen" erleiden, sich sich aufs Gemüt und die psychische Verfassung zusätzlich niederschlagen.

 

Unprofessionelle Kommunikation kann psychische Belastungen verstärken, maladaptive Bewältigungsprozesse fördern und bereits bestehende Symptome intensivieren.

 

Ungünstig verlaufene Gespräche können sich tief ins Gedächtnis einprägen und die psychische Verarbeitung der Erkrankung nachhaltig erschweren. Sie können emotionale Belastungen verstärken, Hoffnung und Selbstwirksamkeit beeinträchtigen sowie die Vertrauensbasis zum Behandlungsteam schwächen.

 

Insbesondere bei onkologischen Patientinnen können belastende Kommunikationserfahrungen unter anderem dazu beitragen,...

-  akute Angstreaktionen zu verstärken,

-  anhaltende Sorgen und Grübelprozesse zu fördern,

-  Gefühle von Hilflosigkeit und Kontrollverlust zu intensivieren,

-  depressive Symptome oder Hoffnungslosigkeit zu verstärken,

-  Anpassungsstörungen zu begünstigen,

-  Vermeidungsverhalten (z. B. gegenüber weiteren Gesprächen oder Behandlungen) zu fördern,

-  Schlafstörungen und anhaltende innere Anspannung zu verstärken,

-  das Vertrauen in die behandelnden Ärztinnen und Ärzte zu beeinträchtigen,

-  die Therapieadhärenz und aktive Mitwirkung an Behandlungsentscheidungen zu reduzieren,

-  die Krankheitsverarbeitung und den Umgang mit der Erkrankung nachhaltig zu erschweren.

 

Nicht die Krebsdiagnose allein bestimmt die psychische Belastung einer Patientin

Einen wesentlichen Einfluss hat auch, wie sie die Diagnose erlebt, versteht und verarbeitet – und genau hier kommt der ärztlichen Kommunikation eine Schlüsselrolle zu. Kommunikation kann emotionale Belastung verstärken oder reduzieren, Orientierung geben oder Verunsicherung fördern und damit einen wichtigen Beitrag zur Krankheitsbewältigung leisten.

 

Hintergrundinfos dazu:

-  S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatientinnen
   und Krebspatienten (AWMF): Hohe Prävalenz von Angst, Depression und Anpassungsstörungen bei Krebs;
   Kommunikation und psychosoziale Unterstützung sind zentrale Bestandteile der Versorgung.

 

-  Forschung zu Distress in der Onkologie: Rund ein Drittel bis fast die Hälfte aller Krebspatienten entwickelt im
   Krankheitsverlauf eine klinisch relevante psychische Belastung, am häufigsten Angst- und Anpassungsstörungen
   sowie depressive Symptome.

 

-  Forschung zur therapeutischen Allianz und patientenzentrierten Kommunikation: Eine wertschätzende,
   empathische Gesprächsführung verbessert das emotionale Erleben, das Vertrauen und die     

   Krankheitsbewältigung.

 

Beispiele für typische Fehler:
Besonders relevant in der Kommunikation mit Onkologie-Patienten sind die sogenannten "Gesprächsstörer", denen sich die meisten Menschen auch im Alltag nicht bewusst sind  z.B. Lösungen liefern, Ratschläge erteilen, Herunterspielen, Bagatellisieren, Ausfragen, Interpretieren, Ursachen aufzeigen, diagnostizieren, Warnen etc.

 

Besonders dramatisch können sich diese "Gesprächsstörer" in der Onkologie auswirken: Dabei geht es nicht nur um vorschnelles Beruhigen sowie Lösungen anbieten statt Emotionen aufzunehmen, sondern auch um Unterbrechen, Weiterreden, wenn patientenseitig nicht sofort etwas kommt, um Interpretieren statt Nachfragen sowie um Fachsprache und Informationsüberflutung.

 

Eine Patientin sagt z.B. : "Ich habe solche Angst." Die ärztliche Reaktion: "Die Prognose ist eigentlich ganz gut..." Das passt nicht und ist - trotz gutem Willen - kontraproduktiv. Hilfreicher wäre hier erst einmal zu zeigen, dass man zuhört, sein Gegenüber ernst nimmt und seine emotionalen Äußerungen verbal auffängt z.B.:  "Ich höre, dass Ihnen das gerade große Sorgen macht.". 

 

Statt plakativ "Keine Sorge." zu sagen, könnte der behandelnde Arzt sein Verstehen zum Ausdruck bringen und sagen: "Ich verstehe, warum Sie sich Sorgen machen.". Statt: "Sie müssen...", könnte er oder sie sagen: "Wir sollten gemeinsam überlegen...". Auch Minimax-Interventionen - kurze Aussagen wie "noch nicht" oder "Was stattdessen", die eine maximale Wirkung bzw. Effektiviät haben spielen hier eine oft entscheidende Rolle und können bei aller Effizienz stärker wirken als längere Ausführungen.

 

Fehler und professionelle Hilfe liegen im Detail

Gerade einzelne Worte bekommen hier eine relevante Bedeutung. Dies bedarf einer Sensibilisierung des entsprechenden Bewusstseins - sowohl für einzelne Wörter bzw. Worte, die Nutzung einer bestimmten Grammatik (z.B. Formulierungen in der Vergangenheit oder Zukunft) als auch bestimmte Formulierungen. Auch gilt es bewusst zu machen, dass die üblichen Kommunikationsmuster, mit denen Menschen völlig selbstverständlich interagieren, im konkreten Arbeitsbereich völlig kontraproduktiv sind.     

 

Kommunikation beeinflusst dabei weit mehr als die Gesprächsatmosphäre. Sie wirkt sich auf Vertrauen, Therapieadhärenz, gemeinsame Entscheidungsfindung, den Umgang mit Emotionen und letztlich auf die Qualität der gesamten Versorgung aus. Umgekehrt kann eine unzureichende Gesprächsführung weitreichende Folgen für alle Beteiligten haben.

 

Folgen für Patientinnen

Eine wenig empathische oder unstrukturierte Kommunikation kann dazu führen, dass Patientinnen...

-  sich mit ihren Ängsten und Sorgen nicht gesehen fühlen

   und ggf. sogar zusätzliche (psychische) "Verletzungen" erleiden

-  sich regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlen können
   und im psychologischen Sinne den Boden unter den Füßen verlieren

-  Vertrauen in das Behandlungsteam verlieren

-  medizinische Informationen missverstehen oder unvollständig aufnehmen.

-  sich in existenziellen Situationen allein gelassen fühlen

-  wichtige Fragen aus Unsicherheit nicht stellen

-  Therapieentscheidungen schlechter nachvollziehen oder mittragen

-  belastende Gesprächssituationen über Jahre hinweg in Erinnerung behalten und traumatisierend wirken. 

 

Gerade in Ausnahmesituationen erinnern sich viele Patientinnen weniger an den exakten Wortlaut
eines Gesprächs als an das Gefühl, das ihnen vermittelt wurde.

 

Für Angehörige

Auch Angehörige erleben die Erkrankung häufig als eigene Krise. Misslingt die Kommunikation,...
-  entstehen Unsicherheit und Hilflosigkeit,

-  entwickeln sich unterschiedliche Informationsstände innerhalb der Familie,

-  nehmen Konflikte zwischen Angehörigen und Behandlungsteam zu,

-  fühlen sich Angehörige ausgeschlossen oder überfordert,

-  wird ihre wichtige Rolle als Unterstützende erschwert.

 

Insbesondere in der gynäkologischen Onkologie – etwa bei jungen Patientinnen, familiärer Belastung oder minderjährigen Kindern – gewinnt eine sensible Kommunikation zusätzlich an Bedeutung.

 

Für Ärztinnen und Ärzte

Auch für die Behandelndem hat Kommunikation unmittelbare Auswirkungen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme kostet professionelle Kommunikation häufig nicht mehr Zeit, sondern spart sie. Missverständnisse führen oft zu wiederholten Nachfragen, zusätzlichen Gesprächen, Unsicherheiten, Konflikten, Beschwerden und erhöhtem organisatorischem Aufwand.

 

Hinzu kommt die emotionale Belastung. Viele Ärztinnen und Ärzte kennen Situationen, in denen sie rückblickend denken: „Eigentlich hätte ich dieses Gespräch anders führen wollen.“ Fehlen geeignete kommunikative Werkzeuge, entsteht nicht selten moralischer Stress – das Wissen, was hilfreich gewesen wäre, es aber unter Zeitdruck oder aus Unsicherheit nicht umgesetzt zu haben. Langfristig kann dies zur emotionalen Erschöpfung beitragen.

 

Für das gesamte Behandlungsteam

Kommunikation endet nicht mit dem ärztlichen Gespräch. Pflegekräfte und andere Berufsgruppen erleben häufig unmittelbar die emotionalen Folgen misslungener Gespräche. Sie müssen Unsicherheiten auffangen, Missverständnisse klären oder entstandene Spannungen auffangen. Unterschiedliche Botschaften innerhalb des Behandlungsteams können zusätzlich Vertrauen kosten und die interprofessionelle Zusammenarbeit erschweren.

 

Lassen wir die bis dato angesprochenen sehr relevanten Aspekte der Kommunikation mit Patienten einmal kurz außen vor: Dann haben wir immer noch die Relevanz der motivierenden, haltgebenden und heilenden (alternativ: demotivierenden, hoffnungs-reduzierenden oder gar krankmachenden) Wirkung, auf dessen Basis allein schon die Psychotherapie arbeitet. 

 

Kommunikation wirkt – auch biologisch

Dass Kommunikation auf den Menschen wirkt, ist heute weit mehr als eine intuitive Annahme. Zahlreiche Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, der Psychologie, der Psychoonkologie sowie der Placebo- und Nocebo-Forschung zeigen übereinstimmend, dass Worte, Erwartungen, Beziehungsgestaltung und nonverbale Signale messbare Auswirkungen auf Erleben, Verhalten und sogar auf physiologische Prozesse haben können.

 

Gerade in der Onkologie begegnen Ärztinnen und Ärzte Menschen in einer existenziellen Ausnahmesituation. In diesen Momenten entscheidet nicht allein der medizinische Inhalt eines Gesprächs über dessen Wirkung, sondern ebenso die Art der Kommunikation. Sprache beeinflusst Aufmerksamkeit, Erwartungen, emotionale Verarbeitung und das subjektive Sicherheitsempfinden.

 

Das Gehirn bewertet dabei fortlaufend nicht nur was gesagt wird, sondern ebenso wie etwas gesagt wird – über Stimme, Mimik, Blickkontakt, Körperhaltung und die Qualität der Beziehung.

 

Die moderne Placebo- und Nocebo-Forschung konnte eindrucksvoll zeigen, dass Erwartungen, Zuversicht oder Verunsicherung neurobiologische Prozesse beeinflussen können. Positive Kommunikation kann Angst reduzieren, Vertrauen fördern und die Bereitschaft stärken, aktiv an der Behandlung mitzuwirken.

 

Umgekehrt können unbedachte Formulierungen, unbewusst vermittelte Unsicherheit oder kommunikative Negativbotschaften Ängste verstärken, Stressreaktionen auslösen und das subjektive Erleben einer Erkrankung erheblich beeinflussen. Man spricht hierbei auch von Nocebo-Effekten – negativen Wirkungen, die durch ungünstige Erwartungen oder belastende Kommunikation entstehen können.

Professionelle Kommunikation ersetzt selbstverständlich keine onkologische Therapie. Sie kann jedoch entscheidend dazu beitragen, dass medizinische Maßnahmen ihre bestmögliche Wirkung entfalten. In diesem Sinne wird Kommunikation zu einem integralen Bestandteil hochwertiger Medizin.

 

Die moderne Hirnforschung zeigt zudem, dass emotionale Bewertungen untrennbar mit Entscheidungsprozessen verbunden sind. Menschen treffen Entscheidungen nicht ausschließlich rational; sie werden wesentlich durch emotionale Bewertungs- und Motivationssysteme beeinflusst. Genau deshalb ist Empathie keine „weiche“ Eigenschaft, sondern eine professionelle Kompetenz mit unmittelbarer Bedeutung für die Arzt-Patient-Beziehung.

 

Die selbsterfüllende Prophezeiung – warum ärztliche Kommunikation Erwartungen erzeugt

Ein weiterer, häufig unterschätzter - und im Bereich der Onkologie besonders relevanter - Mechanismus ist die sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung (Robert K. Merton, 1948). Darunter versteht man das Phänomen, dass Erwartungen das spätere Verhalten und Erleben eines Menschen so beeinflussen können, dass die ursprünglich geäußerte Erwartung tatsächlich wahrscheinlicher eintritt.

 

Kurz gesagt: Eine anfänglich falsche oder unvollständige Erwartung kann Verhalten so beeinflussen, dass sie schließlich Realität wird. Übertragen auf die Medizin: Die Erwartungen eines Arztes und die Erwartungen eines Patienten beeinflussen: Motivation, Hoffnung, Angst, Compliance, Therapieadhärenz und Selbstwirksamkeit.

 

Dadurch können sich Behandlungsergebnisse indirekt verändern.

 

Ähnlich bekannt ist im Kontext der Rosenthal-Effekt (Pygmalion-Effekt). Auch Robert Rosenthal konnte zeigen, 

dass die Erwartungen einer Bezugsperson deren Verhalten beeinflussen, worauf das Gegenüber reagiert, wodurch die ursprüngliche Erwartung wahrscheinlicher wird. In der Medizin bedeutet das: Nicht nur Worte, sondern auch Mimik, Stimme, Blickkontakt, Geduld, Körpersprache und Aufmerksamkeit transportieren Erwartungen.

 

Gerade in der Medizin...

spielt dieser Mechanismus eine bedeutende Rolle. Patienten - insbesondere Onkologie-Patienten - nehmen dies alles hochsensibel wahr. Ärztliche Aussagen prägen die Erwartungen von Patientinnen und Patienten. Diese Erwartungen beeinflussen wiederum Motivation, Zuversicht, Angst, Aufmerksamkeit, Schmerzempfinden, Therapieadhärenz und den Umgang mit der Erkrankung.

 

Moderne Forschung betrachtet Placebo- und Nocebo-Effekte daher als Beispiele medizinischer selbsterfüllender Prophezeiungen: Positive Erwartungen können gesundheitsfördernde Prozesse unterstützen, negative Erwartungen hingegen Beschwerden verstärken oder den Behandlungserfolg beeinträchtigen.

 

Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass Worte Krebs heilen oder den Krankheitsverlauf allein bestimmen. Sie beeinflussen jedoch die psychologischen und neurobiologischen Rahmenbedingungen, unter denen medizinische Therapie stattfindet. Kommunikation wirkt damit nicht anstelle der Medizin, sondern als wichtiger Bestandteil des therapeutischen Kontextes.

 

Bereits kleine sprachliche Unterschiede können dabei unterschiedliche Erwartungen erzeugen. Die Aussage „Das wird schwierig werden“ aktiviert andere innere Bilder und emotionale Prozesse als „Die Behandlung wird anspruchsvoll, aber wir werden Sie auf jedem Schritt eng begleiten.“ Beide Aussagen können medizinisch korrekt sein – ihre psychologische Wirkung ist jedoch eine andere.

 

Patientinnen reagieren nicht nur auf Medikamente – sie reagieren auch auf Erwartungen. Und Erwartungen entstehen maßgeblich durch Kommunikation. Jedes ärztliche Gespräch vermittelt nicht nur Informationen. Es erzeugt immer auch Erwartungen – und Erwartungen beeinflussen nachweislich den weiteren Therapieverlauf.

 

Viele sprachpsychologische Techniken finden sich auch in evidenzbasierten Verfahren wie der Kognitiven Verhaltenstherapie, der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) oder der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) wieder. 

 

Professionelle ärztliche Kommunikation...

...bedeutet deshalb nicht, Risiken zu beschönigen oder falsche Hoffnungen zu wecken. Sie bedeutet vielmehr, medizinische Realität ehrlich und transparent zu vermitteln und gleichzeitig unnötige Nocebo-Effekte sowie unbeabsichtigte negative Erwartungshaltungen zu vermeiden. Ziel ist eine Kommunikation, die informiert, Orientierung gibt und Ressourcen stärkt, ohne die medizinische Wahrheit zu verändern.

 

Fakten

-  Kommunikation besitzt nachweislich biopsychosoziale Wirkung

-  Kommunikation beeinflusst den Therapieprozess.

-  Kommunikation wirkt über neurobiologische und psychologische Mechanismen.

-  Professionelle Gesprächsführung schafft günstige Voraussetzungen dafür,
   dass medizinische Therapie ihre bestmögliche Wirkung entfalten kann.“

 

Auszüge wissenschaftlicher Grundlagen zur Thematik

-  Fabrizio Benedetti – Forschung zu Placebo- und Nocebo-Effekten

-  Irving Kirsch – Erwartungen und therapeutische Wirkung

-  Antonio Damasio – Die Bedeutung von Emotionen für Entscheidungsprozesse

-  National Comprehensive Cancer Network und die Arbeitsgemeinschaft der
   Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften-S3-Leitlinie Psychoonkologie –
   Kommunikation als Bestandteil der onkologischen Versorgung.

-  Debra Roter – Forschung zur Qualität ärztlicher Gesprächsführung.

-  Forschung zur therapeutischen Allianz (u. a. Edward Bordin), deren Prinzipien
   heute weit über die Psychotherapie hinaus als relevanter Faktor in der Medizin anerkannt sind.

 

Weitere Infos zum Thema
Nocebo Effects, Patient-Clinician Communication, and Therapeutic Outcomes
Patientinnen reagieren nicht nur auf Medikamente – sie reagieren auch auf Erwartungen.
Und Erwartungen entstehen maßgeblich durch Kommunikation. jamanetwork.com

 

The self-fulfilling prophecy in medicine
Jedes ärztliche Gespräch vermittelt nicht nur Informationen. Es erzeugt immer auch Erwartungen
– und Erwartungen beeinflussen nachweislich den weiteren Therapieverlauf. link.springer.com

 

Die zentrale Frage...

lautet daher nicht, ob Kommunikation wirkt, sondern wie sie wirkt. Jede ärztliche Kommunikation hinterlässt Spuren – sie kann Orientierung geben oder verunsichern, motivieren oder demotivieren, Hoffnung ermöglichen oder unbeabsichtigt Angst verstärken.

 

Professionelle Gesprächsführung bedeutet deshalb, die eigene kommunikative Wirkung bewusst zu gestalten und dadurch einen wichtigen Beitrag zu einer patientenzentrierten und evidenzbasierten Versorgung zu leisten. 

Vortrag "Herausfordernde Arzt-Gespräche i.d. Gynäkologischen Onkologie" 

Ein bekanntes Konzept im konkreten Arbeitsbereich ist das NURSE-Konzept.

 

"N" steht für "Naming" (Emotion benennen), "U" für "Understanding" (Verständnis bekunden), "R" für "Respecting" (Anerkennung äußern), "S" für Supporting" (Unterstützung anbieten) und "E" für "Exploring" (vertieft explorieren).

 

In unserem diesbezüglichen Vortrags-Angebot zum Thema "Herausfordernde Arzt-Gespräche in der Gynäkologischen Onkologie" geht es in der Kürze jedoch nicht darum, viele Modelle - wie z.B. auch WWSZ-Interventionen - vorzustellen, die sich im konkreten medizinischen Einsatzbereich - und auch im  Hospiz- und Palliativbereich etabliert haben, sondern vorab erst einmal um Denkanstöße, Aha-Effekte und unmittelbar nutzbare Werkzeuge.

 

Auch geht es um die Sensibilisierung für die Thematik und vorab um die Erreichung von Interesse (AIDA: "A"=Attention, "I"=Interest, "D"=Desire, "A"=Action) und um Schaffung eines anderen, ggf. neuen Bewusstseins für das Thema Kommunikation in der Medizin, speziell in der Onkologie.  

 

Gesamtgedanke

Aus der Verzahnung von sensibler, empathischer und positiver patientenzentrierter Kommunikation, Aktivem Zuhören, NURSE und Minimax-Interventionen mit den Erkenntnissen der Psychologie, der Neurowissenschaften und der Psychoonkologie inklusive der Placebo- und Nocebo-Forschung entsteht ein wissenschaftlich fundierter Gesamtgedanke:

Professionelle Kommunikation verändert nicht die biologische Erkrankung – sie verändert den psychobiologischen Kontext, in dem die Erkrankung erlebt, verarbeitet und behandelt wird. Genau darin liegt ihr medizinischer Wert.

 

Leitsatz

Der Leitgedanke, auf dem nachfolgend aufgebaut werden kann ist folgender: 
"Was unterscheidet ein medizinisch gutes Gespräch von einem Gespräch, das Patienten wirklich trägt?"

Die zentrale Botschaft

Professionelle Kommunikation ist keine „weiche“ Zusatzkompetenz, sondern ein wesentlicher Bestandteil hochwertiger onkologischer Versorgung. Sie entscheidet nicht über die Diagnose – wohl aber darüber, wie Patientinnen und Angehörige mit ihr umgehen können, wie tragfähig therapeutische Entscheidungen werden und wie belastbar die Arzt-Patient-Beziehung bleibt. Deshalb sollte Kommunikation in der Onkologie nicht als Ergänzung zur Medizin verstanden werden, sondern als Teil exzellenter Medizin.

 

Der Vortrag zeigt...
... anhand wissenschaftlich fundierter Kommunikationskonzepte und praxisnaher Beispiele, wie bereits kleine Veränderungen in der Gesprächsführung einen entscheidenden Einfluss auf Vertrauen, emotionale Entlastung, Therapieadhärenz und die Arzt-Patient-Beziehung haben können.

 

Vermittelt wird die Thematik von Andreas Köhler (Profil bei Institut für Persönlichkeits- und Verhaltenspsychologie) , der in der Psycholinguistik zwei Wissens- und Arbeitsbereiche (Psychologie und Kommunikation) miteinander vereint, was bei der konkreten Thematik herausragend wichtig ist. Im Mittelpunkt des Vortrages stehen - statt Theorie - Aha-Effekte und unmittelbar umsetzbare Strategien für den klinischen Alltag, die auch unter hohem Zeitdruck wirksam eingesetzt werden können.

 

Kernbotschaften

1. Kommunikation wirkt medizinisch
    Nicht als "Soft Skill", sondern als Bestandteil guter Medizin.

 

2. Emotionen erkennen und professionell darauf eingehen. 
    Aktives Zuhören + die Grundidee des NURSE-Konzepts

    Viele Ärzte reagieren auf Angst mit Information. Patienten brauchen zunächst aber emotionale Resonanz.

 

3. Kleine Sprache – große Wirkung

 

4. Die Gefahr aversiver Stimulationen 

    Die häufigsten unbewussten Kommunikationsfehler

 

Gute Kommunikation im konkreten Kontext...

... bedeutet nicht, mehr zu sprechen. Gute Kommunikation bedeutet, an den entscheidenden Stellen das Richtige zu sagen. Gute Kommunikation kostet selten mehr Zeit. Schlechte Kommunikation kostet häufig sehr viel Zeit.

 

Inhalt des Vortrags
-  Warum Kommunikation heute medizinische Kompetenz ist.

-  Situationen, in denen gute sensible Kommunikation besonders relevant ist.

 

-  Was Patienten in Ausnahmesituationen wirklich brauchen (Emotionen, Sicherheit, Orientierung)
   und warum wir im Beruf oftmals sogar unbewusst das Gegenteil machen

 

-  Fünf kommunikative Stellschrauben mit Sofortwirkung
   (Aktiv zuhören, Emotion benennen, kurze Pausen, offene Fragen,
   Minimax-Interventionen, sensible positive Formulierungen)

 

-  Praxisbeispiele

 

-  Take-home-Messages

Rufen Sie uns an...
... und vereinbaren Sie einen...